Eine Geschichte der Liebe und des Kampfes

Standesamtliche Hochzeit in der Villa Leutert, Januar 2015 // Foto: privat
Standesamtliche Hochzeit in der Villa Leutert, Januar 2015 // Foto: privat

Unsere ehemalige Kirchenvorsteherin Alja Schilling erzählt hier sehr persönlich von der Erkrankung und dem Sterben ihres Mannes Ingo - und von den Erfahrungen, die sie während dieser schweren Zeit in der Andreasgemeinde gemacht hat. 

 

Erste Berührung mit der Gemeinde

Nach unserem Umzug von Berlin nach Gießen besuchte meine Tochter die evangelische Andreaskindertagesstätte. Dort wurde die Vernetzung mit der angrenzenden Kirche groß geschrieben. Unter 

anderem feierten die Kinder gemeinsam mit dem Pfarrer Andachten, spielten mit Bea Freiesleben-Schmidt und übten im Gemeindehaus Theaterstücke ein. Natürlich besuchten wir als Eltern die Gottesdienste, in denen die Kinder Vorführungen darboten.

 

Unser Kind bettelte fast, zu Bea in den Kindergottesdienst gehen zu dürfen. Wir traten in die Kirche ein. Meine Tochter besuchte den Kindergottesdienst und die Jungschar und sang im Kinderchor. Die Gottesdienste mit der Andreas-Band waren unsere Favoriten. Als Gitarrenspieler, Geiger und Hobbysänger begeisterte sich mein Mann für die Art und Weise, wie Pfarrer und Band den Gottesdienst symbiotisch gestalteten.

 

 

Beistand in Krankheit

Anfang 2015 dann der Schicksalsschlag: Bei meinem Mann Ingo wurde ein Gehirntumor diagnostiziert. Es folgten viele Operationen, Bestrahlungen und die Chemotherapie.

 

Währenddessen musste zu Hause alles umorganisiert werden. Hier möchte ich dem Andreaskindergarten und allen Erziehern herzlich danken. Menschlich, christlich und mit Nächstenliebe wurde auf mein Kind eingegangen. Auch die Abholzeiten wurden sehr flexibel gehandhabt. Wir fühlten uns wirklich gut aufgehoben.

 

Auch danken wir der Gemeinde für ihre Unterstützung. Pfarrer Brand, Birgit Füller, Bea Freiesleben-Schmidt, Friederike Heinl und alle anderen Kirchenvorstands-, Band- und Gemeindemitglieder nahmen sich immer die Zeit, uns ehrlich zu fragen, wie es uns gehe. Nie wurden die Gespräche aus Termindruck oder Interessensmangel unterbrochen.

 

Kirchliche Trauung im Uniklinikum Gießen, Dezember 2015 // Foto: privat
Kirchliche Trauung im Uniklinikum Gießen, Dezember 2015 // Foto: privat

Hochzeits-Abschiedsfest

Als mein Mann erfuhr, der Tumor sei explosionsartig gewachsen und seine Lebenszeit würde sich eher in Wochen als in Monaten messen lassen, sagte er zu mir, er würde mich gerne heiraten. Wir waren bereits standesamtlich verheiratet, aber er sagte, er würde jetzt sein kirchliches Hochzeits-Abschiedsfest mit mir feiern wollen; mit all unseren Freunden, seinen Kollegen, unseren Eltern. Er wolle ganz klar noch mal ein Zeichen setzen, dass wir auch vor Gott zusammen gehören.

 

Als wir Pfarrer Brand anriefen freute er sich, dass es sich nicht um die Beerdigung, sondern um unsere kirchliche Hochzeit handelte. Er kam bereits am folgenden Tag zu uns ins Krankenhaus, um sich nach unseren Vorstellungen zu erkundigen. Er schrieb mit, gab Tipps, wir lachten und scherzten. Es sollte eine ganz besondere Hochzeit werden - die erste und bisher einzige in der Kapelle der Uniklinik. Es war ein wunderbares Fest mit fast hundert Gästen. Eine schönere, rührendere, ergreifendere kirchliche Trauung hätte es nicht geben können.

 

Abschied mit nur 34 Jahren

Im September 2016 verstarb mein Mann nach 20monatiger Krankheit mit nur 34 Jahren. Wir wussten es, trotzdem war es unfassbar. Wieder riefen wir Pfarrer Brand und die Band an, zu der ein enger Kontakt durch Steffi Gömmer bestand. Stark betroffen sagte sie mir zu, auf der Beerdigung zu spielen. Gemeinsam suchten wir Ingos Lieblingslieder aus.

 

Mehrfach besuchte mich Pfarrer Brand und unterstützte mich in der Gestaltung der Beerdigung. Auf dem Friedwald Schiffenberg trafen wir letztlich unsere Freunde, Bekannten und Verwandten. Die Band spielte, Pfarrer Brand sprach. Die Atmosphäre kam mir demütig, fast schon gesegnet vor. Ingo hätte es gefallen. So ging unsere gemeinsame Geschichte zu Ende.

 

Ich schließe mit den Worten unseres Trauspruchs (1. Johannes 4, 16):

 

„Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt,

der bleibt in Gott und Gott in ihm.“

 

Alja Schilling