Erfolge, Ängste, Lernen und Freude: Deutschkurse für somalische Flüchtlinge - ein Bericht von Friederike Heinl

Friederike Heinl im Deutschkurs. Foto: privat
Friederike Heinl im Deutschkurs. Foto: privat

Montag, 25. Januar, 8:00 Uhr

So, nun ist es gleich so weit. Ich treffe mich mit einigen anderen Helfern im Pfarrsaal von St. Thomas Morus, um die erste Deutschstunde für somalische Flüchtlinge vorzubereiten. 17 Männer haben sich angemeldet.

In den letzten Tagen wurde ich gefragt, ob ich Angst davor habe. Nein, Angst habe ich nicht. Ich bin gespannt, aber Angst? Ich wüsste auch nicht, wovor ich Angst haben sollte. Vor Menschen? Nein, wirklich nicht.

Ich trinke noch eine Tasse Kaffee, im Radio verlosen sie eine Reise nach Griechenland und in unserem Ofen brennt ein behagliches Feuer.

Ich denke wieder an die Menschen, denen ich heute die ersten Brocken Deutsch beibringen soll.

Wie oft haben die auf ihrer Flucht wohl gemütlich einen Kaffee in einem warmen Raum trinken dürfen? Vielleicht waren sie auch in Griechenland, aber nicht wegen einer gewonnenen Reise, sondern weil sie ihre Heimat, alles Vertraute verlassen mussten, in der Hoffnung auf Frieden.

Für mich, die ich 1974 in Deutschland geboren wurde, unvorstellbar. Krieg, Flucht, Vertreibung, das kenne ich nur aus dem Geschichtsunterricht und natürlich von Erzählungen meiner Eltern und Großeltern. 

 

Immer noch Montag, 13:00 Uhr

Ich bin völlig erschöpft. Von 10:00 bis 11:30 Uhr haben wir 18 Männer und, zu meiner großen Freude, auch Frauen unterrichtet. Es war intensiv und anstrengend, aber auch sehr bereichernd.

Wir haben viel gelacht. Es ist schön zu sehen, wenn die Teilnehmer anfangen zu begreifen, wenn sie die Wörter aussprechen und langsam deren Bedeutung verstehen.

Ich habe tausend Ideen, was wir noch alles machen können und freue mich auf nächsten Montag, weil diese Menschen mit einem Eifer dabei waren, der ansteckend war.

 

Später am Nachmittag

Während ich im Auto warte, dass meine Tochter vom Klavierunterricht kommt, denke ich wieder an unsere Schülerinnen und Schüler.

Ich denke darüber nach, wie ich mich fühlen würde in einem fremden Land, in dem das Wetter die letzten Wochen katastrophal schlecht war und so kalt im Gegensatz zu Afrika. In dem mir Menschen begegnen, die nicht einmal versuchen, nett zu sein, ihre Abneigung nicht verhehlen wollen, obwohl sie mich gar nicht kennen.

Auch für Kinder gibt es Angebote. Foto: privat
Auch für Kinder gibt es Angebote. Foto: privat

Ich war mal eine Woche in London, das Wetter war gruselig und die Leute immer nur geschäftig, verstanden habe ich damals auch nicht viel.

Ich war froh, als ich wieder zuhause war.

Aber was, wenn man nicht mehr nach Hause kann? Wenn man nicht mehr weiß, ob das eigene Haus, das Heimatdorf und die Menschen, mit denen man aufgewachsen ist, noch da sind?

Was, wenn man nur etwas einkaufen möchte und kennt das Wort nicht? Wenn man sich nicht traut zu fragen, weil man schon so oft abgewiesen und angeschnauzt wurde? Was, wenn man zum Nichtstun verdammt ist und seine Tage hauptsächlich mit Warten verbringen muss, sich mit vielen Fremden eine Unterkunft teilen muss?

Diese Schülerinnen und Schüler wirken, als hätten sie nichts Schlechtes erlebt. Sie sind freundlich, lachen, üben fleißig, sind hilfsbereit beim Aufräumen, fragen auf englisch-deutsch-kauderwelschig, mit Händen und Füßen und geben nicht auf. Und ich bin sicher, dass sie auch in Deutschland nicht nur Gutes erlebt haben.

Beim Unterricht. Foto: privat
Beim Unterricht. Foto: privat

Montag, 1. Februar 10:30 Uhr

Ich gehe durch den Raum und schaue den Schülern über die Schulter, wie sie „Mann“, „Name“, „Essen“, „U-Bahn“ und noch andere Wörter in ihre Hefte schreiben, die mein Kollege ihnen diktiert.

Heute sind 19 gekommen, auch alle Frauen sind wieder da. Sie haben uns mit „Guten Morgen“ begrüßt, ich freue mich, wie selbstverständlich es ihnen über die Lippen kommt.

Ein Teilnehmer fragt mich, was ein Affe ist. Ich hüpfe durch den Raum, wie ein durchgedrehter Schimpanse und gebe Affengeräusche von mir. Die Männer an dem Tisch lachen, aber jetzt wissen sie, was ein Affe ist. Einer sagt „super“, das Wort, mit dem ich sie immer lobe, wenn sie die Begriffe richtig aufschreiben.

Übungsheft. Foto: privat
Übungsheft. Foto: privat

Sie lernen schnell und ich kann gar nicht glauben, dass viele Analphabeten sind.

Während wir arbeiten, geht ein weiterer Helfer rum und schenkt Tee und Kaffee ein, stellt Teller mit Keksen auf den Tisch. Ein Teilnehmer sagt „Zucker, bitte?“. Ich freue mich, denn wir haben ihnen letzte Woche erst das Wort „Zucker“ beigebracht.

Während ich den Teilnehmern beim Schreiben zuschaue, hier und da verbessere, drängt sich immer wieder die Frage auf, was diese Menschen wohl erlebt haben, in ihrer Heimat, auf ihrer Flucht.

In dem Moment dreht sich ein junger Mann zu mir um, reicht mir den Teller mit den Keksen und sagt: „Ich gebe Ihnen Essen!“, er strahlt mich voller Stolz an, ich muss schlucken, lache und nehme mir einen Keks.

Als ich auf dem Fahrrad sitze, grinse ich vor mich hin und denke, ich möchte nie etwas anderes machen.

Angst? Nein, ich habe keine Angst und ich kann auch jedem nur raten, keine Berührungsängste zu haben und jegliche Verbreitung von Vorurteilen zu unterbinden, sich selbst ein Bild zu machen.

Bitte sprechen Sie mich an, ich nehme Sie gerne mal mit und Sie können sich in den Raum setzen und beim Deutschunterricht zuschauen.

 

Fortsetzung folgt...

Friederike Heinl 

 

 

 

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