An(ge)dacht im Dezember

Foto: Gömmer
Foto: Gömmer

Es klopft. Zum zweiten Mal. Jetzt stärker. Eindringlicher. Die Schläge rütteln sie auf. Langsam und zöger- lich geht sie zur Tür. Da klopft es wieder. Wie Hammerschläge geht ihr das Klopfen durch Mark und Bein.

 

Wer mag das sein zu so später Stunde? Sie erwartet keine Gäste. „Man soll Fremden nicht aufmachen. Gerade als alter Mensch“, geht ihr durch den Kopf. „Es könnten ...

... Betrüger oder sonstige Kriminelle sein, von denen man immer wieder in der Zeitung liest.“ Die Neugierde zieht sie weiter. „Vielleicht ist es aber auch der Paketdienst auf seiner letzten Runde? Oder die Kinder, die unverhofft zu Besuch kommen!“ Ihr Herz beginnt höher zu schlagen. Zögerlich und voller Erwartungen öffnet sie die Tür.

„Haben Sie eine Bleibe für uns? Nur für eine Nacht“, fragt der junge Mann im dunklen Umhang. Auf seinen Arm hat sich eine junge Frau gestützt. Erschöpft und müde.

Ach, hätte sie die Tür doch nicht geöffnet! Hätte sie doch so getan, als wäre sie nicht zu Hause. Oder schliefe schon. Nun ist es zu spät. Nun steht sie vor den beiden, die sie erwartungsvoll anschauen. Am liebsten schlüge sie die Tür wieder zu. „Nein, hier ist kein Platz für euch!“ Doch dann holt sie Luft – und erinnert sich an die Zeit nach dem Krieg. Als sie mit ihrer Mutter und dem kleinen Bruder in das kleine Dorf kam. Auf der Flucht. Nur mit dem, was sie auf dem Leib und mit ihren Händen tragen konnten. „Können wir bei Ihnen bleiben?“ Der alte Bauer wies ihnen ein kleines Zimmer zu. Die vier Wände bedeuteten für sie damals das größte Glück und den größten Schmerz.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! – Als wenn das so einfach wäre! Nicht in Bethlehem, nicht nach dem Krieg und auch nicht heute. Zugegeben: es stehen nur noch selten junge Paare vor der Tür und bitten um eine Herberge. Zumindest nicht in Gießen. An anderen Orten dieser Welt schon. Aber das macht das Öffnen von Türen nicht leichter. Es kostet Mut und Überwindung. Es hat aber auch mit Neugierde und Sehnsucht zu tun. Mit Erwartungen und Hoffnung. Auch mit der Sorge vor Enttäuschung und der Angst vor dem Fremden da draußen. – Davon, und der Balance von alledem, ist im Advent die Rede.


Ihr Gabriel Brand 

 

 

 

Die Facebook-Seite der Andreasgemeinde!

Einfach "gefällt mir" drücken und "Freunde werden".